Meinungsmänner und die wilden Weiber

An ein und demselben Wochenende haben zwei Herren aus der Journalistenzunft den Zeigefinger aus der Stinkekiste geholt und uns alle auf Gefahren aufmerksam gemacht, welchen wir ohne ihrem hilfreichen Einsatz blind ausgeliefert wären.

"Gefährliche Utopie der Carola Rackete"

Der Herr Journalist jener Zeitung, welche ihre Entstehung der 1848er Revolution verdankt, widmet sich Carola Rackete, welche gerade das Buch „Handeln statt Hoffen“ herausgebracht hat – ein Titel, der zur jetzigen Situation recht gut passt. Aber darum geht es nicht. Weil im Buch und im Interview mit dem Profil wagt sie es,

„das bestehende wirtschaftliche und politische System fundamental infrage“ zu stellen.

Na sowas. Dabei funktioniert das System doch eh bestens und produziert weder Armut noch Klimakatastrophe und schon gar nicht Kriege und ersaufende Flüchtlinge. Welche Überlegungen Carola Rackete hat, darüber sollten wir durchaus diskutieren, der Weg zu einer Überwindung eines offenkundig hint und vorne krachenden Systems ist offen, aber dass es so nicht weitergeht wie bisher, weil dann Barbarei auf hohem Temperaturniveau mit Begleittornados droht, darin sind sich alle, die halbwegs denken können und keine bezahlten Agenten der Machthaber sind, ziemlich einig. Dem Herrn Journalisten unterstelle ich natürlich nicht, dass er ein bezahlter Agent ist. Sondern, dass das aus dem Innersten seines Herzens kommt, wenn er ein wenig panisch schreibt:

„Spätestens da hört der Spaß auf. Man kann und soll über alles diskutieren. Doch auch Wohlmeinende agieren fahrlässig, wenn sie in blindwütiger Weltuntergangshysterie mit dem Fundament spielen, auf dem freie und offene Gesellschaften aufbauen“

blindwütige Weltuntergangshysterie“ – also das versteht er unter „alles diskutieren“ zu einem Zeitpunkt, da einem die Natur um die Ohren zu fliegen droht.

Gewarnt wird nicht vor jenen, die uns in die Scheisse geritten haben – unter anderem jene Klasse, denen die Medien gehören, in denen die Meinungsmänner ihr Brot verdienen – , sondern vor dieser jungen Frau, die es wagt, die Frage grundsätzlicher zu stellen, statt einen Baum für den Umweltschutz zu pflanzen und der Caritas für die Armen zu spenden nach dem Abendgebet.

In der anderen, ebenfalls großformatigen Zeitung ist das Thema eigentlich der Alt-Leninismus und -Maoismus alter Männer, welche das Defizit an grundsätzlichen Fragestellungen zwar sehen und artikulieren, aber letzlich im „Ereignis“ der Revolte verharren wie der eine, oder zurück zur leninistischen Hausfrau will, um es mal grob zu sagen, wie der andere. Auseinandersetzung mit ihnen lohnt sich aus dem einzigen Grund, um deren Irrwege offen zu legen und nicht noch mal eine Generation in solche Scheisse schlittert aus lauter Frust.

Ok, der Journalist dieses anderen Blattes ist jedenfalls nicht ein solcher, der das könnte. Egal, er schreibt seine Zeilen runter. Doch irgendwie muss er zu einem Schluss kommen.

Was liegt näher, als Greta Thunberg in die Nähe der maoistischen Revolutionsgarden zu bringen? Eben.

04.11.2019