Jules und Marcel

Als im April des Jahres 1913 der Kommissariatssekretär Jules Maigret im Polizeirevier Saint-Georges in seinem ersten Fall ermittelte, arbeitete Monsieur Marcel Proust gerade fieberhaft an den Korrekturfahnen des erste Bandes der „Suche nach der verlorenen Zeit“, der im September erscheinen sollte. Proust schoss 1.750 Franc für den Druck hinzu, obwohl er zur gleichen Zeit schwere Verluste an der Börse hinnehmen hatte müssen. Aus dem September wurde nichts. Die Drucklegung musste wegen der umfangreichen Korrekturen, die der Autor an den Druckfahnen anbrachte, und welche den Umfang des ursprünglichen Manuskripts von „Du côté de chez Swann“ verdoppelte, immer wieder verschoben werden. Erst gegen Ende November 1913 war es soweit. Schließlich aber doch schneller als nach den Befürchtungen des Verlegers, der angesichts der sich hinziehenden Endfertigung den Drucker angewiesen hatte, als Erscheinungsjahr vorsorglich 1914 auf das Titelblatt einzutragen.

Zuvor war das Buch mehreren Verlagen angeboten worden, unter anderem auch Gallimard. Dessen Cheflektor und Herausgeber der Nouvelle Revue Française, André Gide, der Proust schon über 20 Jahre kannte, wenn auch nur flüchtig,

„brach die Lektüre von Proust nach etwa 70 Seiten ab, weil er bei einer Frisurbeschreibung eine syntaktische Ungenauigkeit entdeckte, die ihm ungeheuer auf die Nerven ging.“ (Illies, 1913. Was ich unbedingt noch sagen wollte)

Der Proustübersetzer und Herausgeber des Handbuchs zur „verlorenen Zeit“, Bernd-Jürgen Fischer verweist dem gegenüber auf Céleste Albarets Erinnerungen, wonach das Paket mit dem Manuskript ungeöffnet von der Nouvelle Revue Française zurückgekommen sei, Gide es also damals gar nicht gelesen haben dürfte. Als Beweis wird angeführt, dass Prousts Kammerdiener

„eine minutiöse Sorgfalt darauf (verwandte), den Knoten in einem ganz besonderen und unnachahmlichen Stil zu binden. Und das war für Monsieur Proust immer der unwiderlegbare Beweis, dass das Paket mit seinem Manuskript niemals geöffnet worden war“ (C. Albaret, Monsieur Proust).

Gide bereute diese seine Fehleinschätzung sehr bald und schrieb an Proust im Jänner 1914:

„Seit einigen Tagen lass ich von Ihrem Buch nicht mehr ab. (…) Ach! Warum muss es mir so weh tun, ihr Buch so zu lieben?“
„Die Ablehnung war einer der größten Fehler der Nouvelle Revue Française. Für mich waren Sie derjenige geblieben, der bei Madame X und Z verkehrt – derjenige, der im Figaro schreibt. Ich hielt Sie offen gesagt für einen du côté de chez Verdurin’, einen Snob, einen Liebhaber der mondänen Gesellschaft, etwas, worüber man sich in unserer Revue kaum heftiger erregen kann.“

Nach Erscheinen des 4. Bandes, „Sodome et Gomorrhe“ gab es häufige Begegnungen und rege Diskussionen zwischen dem offen Homosexuellen Gide und Proust, der seine Homosexualität trotz etlicher Beziehungen in der Öffentlichkeit verbarg. Gide war vor allem an den theoretischen Auslassungen Prousts zu männlicher Homosexualität interessiert. Dabei bedauerte Proust,

dass er in Sodom und Gomorrha nur noch die düsteren Seiten der gleichgeschlechtlichen Liebe habe zeigen können, da er die lichteren Aspekte bereits ins Heterosexuelle transponiert in Im Schatten junger Mädchenblüte dargestellt habe. (Fischer, Handbuch)

Mit einem anderen Autor, nämlich dem Schöpfer von Maigret, Georges Simenon, hatte Gide ebenfalls Kontakt und einen freundschaftlichen Briefwechsel. Darin forderte Gide von Simenon beharrlich und vergeblich, dass dieser endlich seinen großen Roman schreiben möge, gab sich aber schließlich mit dem 1948 erschienenen „La neige était sale“ (Der Schnee war schmutzig) zufrieden, der von der Kritik vielfach als bester Roman Simenons angesehen wird. Jedenfalls war Gide nach der Lektüre „ganz weg“ und bezeichnete den Roman als

„ein Buch, das mich nicht nur bereits zufriedenstellt, sondern mir darüber hinaus noch Hoffnung auf einen ungewöhnlichen Neubeginn macht; ein Buch, mit dem Sie glücklich heraus sind aus dem Schlamm, in dem Sie zu versinken drohten. (…) Bei La neige était sale fühle ich, wie Sie wieder Sie selbst werden und sich übertreffen.“

In diesem Jahr 1948 hatte Simenon „in acht Septembertagen … in Tumacacori, Arizona, fern seiner französischen Wahlheimat“ (Hanjo Kesting im Nachwort) auch jenen oben genannten Roman La première enquête de Maigret über den jungen Maigret geschrieben, der mit dem über die Zeiten hinweg reichenden Wissen des Autors den Ursprung einiger Eigenheiten des späteren Kommissars zeigte. So die Liebe zum gusseisernen Ofen, die Maigret auch noch lebte, als überall sonst am Quai des Orfèvres Zentralheizungen eingebaut wurden – außer in seinem Büro. Auch die maigretspezifische Art der Ermittlungen, das sich anschmiegende Hineintauchen in das Milieu der für den jeweiligen Mord in Frage kommenden Personen findet hier ihren Anfang. Sowie auch der Alkoholkonsum, der Maigret in diesem ersten Fall noch aufgenötigt wird durch einen unerbittlichen Wirt, wird hier als früher Begleiter des nicht nur ausgiebig Calvados trinkenden Maigret eingeführt.

Ob Gide diesen Roman zu dem „Schlamm, in dem Sie zu versinken drohten“ zählte, oder ob er ihn und die Maigret-Romane schätzte, konnte ich nicht feststellen (Vielleicht findet sich im Tagebuch Gides etwas).

Wenn es Maigret in der landläufigen Realität gegeben hätte, wäre eine Begegnung zwischen ihm und Proust nicht unmöglich gewesen. Was wohl das Roman-Ich Marcel über Monsieur Maigret zu schreiben gewusst hätte? Und wie hätte Simenon den rastlosen Dandy, der zur fraglichen Zeit gleichzeitig umfangreiche Korrekturen an seinem Werk anbrachte, ganze Teile sogar neu schrieb und neue Personen einfügte, der sich gleichzeitig nach seinem Chauffeur verzehrte und ihm so teure Geschenke überbrachte, dass er erhebliche Aktienanteile abstoßen musste, gesehen und beschrieben? Gar nicht, denn der 1903 in Belgien geborene Autor wäre zu jung gewesen, um das Treiben Prousts beobachten und bewerten zu können. Proust dagegen hätten die stundenlangen Aufenthalte Maigrets in dem kleinen Lokal Vieux Calvados in der Rue Chaptal zu Observierungszwecken wohl zu hundert Seiten Beobachtungen des Beobachters veranlassen können. Und er hätte dabei vermutlich nichts, gar nichts ausgelassen. Der Mord selber hätte ihn wohl weniger interessiert, aber das arrogante Verhalten des Fabrikanten einer marktbeherrschenden Kaffeemarke gegenüber dem unterrangigen Beamten, dessen Chef noch dazu ein Mitglied des Gesellschaftskreises des Fabrikanten war, würde sehr wohl einige Betrachtungen Prousts provoziert haben, was wohl nochmals hundert Seiten erheischt hätte, da ja auch die aufwändige Lebensweise des „elegantesten Kommissars von Paris“, der im Vierspänner vorfuhr, einiger Betrachtungen wert gewesen wäre.

Ich glaube, Jules Maigret hätte nach einigem Fremdeln diesen Marcel durchaus gemocht und umgekehrt. Schade, dass sie einander nie begegnen durften.

Der Titel dieses Beitrags streift nicht zufällig den des Films „Jules und Jim“ von Truffaut. Denn der dem Film zugrunde liegende Roman beruht auf der wahren Geschichte von Henri-Pierre Roché (dem Autor des Romans = Jim), von Jules (Franz Hessel) und Kathe/Catherine (Helen Grund). Helen und Franz heiraten im Juni dieses Jahrs 1913 in Paris. Also wieder eine Begegnungsmöglichkeit, die vielleicht mit Simenon oder Proust tatsächlich stattgefunden haben könnte, da Franz und Helen Hessel in Pariser Künstlerkreisen verkehrten. Affinität von Franz Hessel zu Proust war jedenfalls vorhanden: zusammen mit Walter Benjamin übersetzte er in den Zwanziger Jahren den zweiten und den dritten Band der „Verlorenen Zeit“ ins Deutsche. Walter Benjamin war im übrigen ein großer Fan der Kriminalromane Simenons und schätzte auch Gide sehr, dem er nachweislich persönlich begegnete und von dem er für eine deutsche literarische Zeitschrift ein Porträt entwarf, worin er übrigens auch einen Satz zitierte, in dem sich Gide auf Proust bezog.

Nebenbei: in welchem Jahr Musils „Mann ohne Eigenschaften“ spielt, ist eh bekannt 😉

15.09.2020