Hermannsschlacht so ungefähr (1)

Die erste Neuinszenierung Kušejs seit dem Beginn seiner Intendanz ist Kleists Hermannsschlacht. Die ich immer schon lesen wollte. Dann war ich mal baff. Was für ein Text! Oszillierend zwischen Shakespears heißen Königsdramen und Brechts kalten Lehrstücken. Zwischen Krieg um nationale Unabhängigkeit und Faschismus. Ein zweckloser Zweck der Gewalt.

Nachdem ich mich ein wenig beruhgt hatte, las ich das Drama nochmals und einiges darüber. Zum Teil glaubte ich bei Rezipienten völlig anderen Text vermittelt zu bekommen, zum Teil wurden meine ersten Eindrücke, dass hier weder Nationalismus, noch Partisanentum, noch Faschismus die Essenz ausmachen, bestätigt.

Damit erschien mir auch die Peymannsche Guerilla-Interpretation immer unplausibler zu werden. Die handelnden Personen waren mehr oder weniger wendige Kollaborateure, die sich sehr situationselastisch verhielten und offen für alle Methoden waren, soferne sie nur wirkten. Im Zweifel war es die Gewalt.

Nach den ersten Kritiken entstand bei mir auch gegen die Kušej’sche Interpretation ein ziemliches Misstrauen. Sowohl hinsichtlich des teilweise Runterbrechens auf eine dem Animalischen in jeder Hinsicht nicht fernen Beziehung zwischen der Fürstenfrau und dem römischen Legaten und dem vermutlich platten Ende mit SA marschiert. Am Christtag werde ich es selber gesehen haben.

 

Bis dahin will ich mal versuchen, mich dem Stück möglichst nur textimmanent zu nähern, auch wenn dem Grenzen gesetzt sind. Denn, was Kleist und das zu erwartende Publikum wussten oder glaubten, muss vorausgesetzt werden.

  • Sie wussten, dass Arminius ein römischer Söldner in gehobener Position gewesen war, möglicherweise im pannonischen Aufstand in römischen Diensten gegen jene gekämpft hatte, die ihm volksmäßig näher hätten sein müssen, wenn man völkische Betrachtungsweise zugrunde legt.
  • Er war erst ein Jahr zuvor anlässlich seines Vaters Tod zu seinem Volk zurückgekehrt und hatte dann die Führung des Stammes übernommen.
  • Hermann – der nie so genannt wurde – dürfte sich in seinen römischen Jahren eine gute Bildung erworben haben: Cicero ist ihm so geläufig, dass er in des römischen Legaten immanenter Berufung auf eine Schrift desselben sofort den Text erkennt. Dass er sich in all den Jahren im römischen Kulturumfeld einen derartigen Hass auf die Römer bewahrt hat, der ihn zu ziemlich widerwärtigen Ausbrüchen und Handlungen im Stück veranlasst, scheint nicht ganz glaubwürdig zu sein. Jedenfalls bietet Kleist keine Hilfe, das zu verstehen. Bis auf eine kleine Ausnahme. Doch dazu vielleicht später.
  • Was die zeitgenössischen Rezipienten des Dramas, die es nie gab, weil erst mehr als 60 Jahre später uraufgeführt, vielleicht ebenfalls irritiert hätte, war der mehrfache Bezug auf die Teilnahme von Arminius und einigen anderen germanischen Fürsten, die im Gefolge des Varus nach Teutoburg kamen, auf die „Mordsschlacht“ des Ariovist, an der sie teilgenommen hätten und dort auch einander begegnet wären. Allerdings hätten sie zum Zeitpunkt der Ereignisse im Teutoburger Wald im Jahr +8 schon über 80 Jahre alt sein müssen, denn die endgültige Niederlage des Ariovist gegen Cäsar fand -57 statt (und jünger als 20 werden sie nicht gewesen sein). Zeitlich näher liegend und vom Verlauf und Ergebnis auch der im Stück von den Germanenfürsten gebrachten Darstellung ähnlicher ist der immensum bellum, der von 1 n.Z. bis ungefähr 5-6 nZ.. als gemeinsamer Aufstand einer Anzahl von Germanenstämmen, unter ihnen auch den Cheruskern, gegen die römischen Besatzer geführt wurde.
  • Noch eine zeitliche Unmöglichkeit oder Irrelevanz: Arminius suchte kurz vor den Ereignissen im Teutoburger Wald einen weiteren „Frevel“ der Römer, um die Germanen gemeinsam gegen die Besatzer zu empören. Da kam ihm die Vergewaltigung eines germanischen Mädchens durch Römer und die anschließende Ermordung ob der Schande durch den eigenen Vater gerade recht. Er befahl die Zerteilung der Leiche in 15 Stücke und die Verteilung an die 15 germanischen Stämme. Diese Stämmte konnten aber gar nicht so schnell erreicht und die Empörung aufgeflammt sein, dass sie für die Varusschlacht noch eine Rolle gespielt hätten. Also unnötig, leere Kilometer.
  • Zu jener Zeit wurde in der politischen Elite auch die Erfolge der neuen Kriegstechnik, der Guerillakrieg der Spanier gegen Napoleon, diskutiert und als Modell für Deutschlands Freiheitskriege gegen ebendenselben angesehen. Der herausragendste Proponent dieses Modells, v. Stein, war Kleist bekannt und dessen Vorstellungen ebenso. Die an Mao Tsetungs „Über den langwierigen Krieg“, oder nahe liegender an Sun Tsu erinnernde Stelle war ein Reflex auf diese real existierende Diskussion und wohl auch Kleistens Antwort darauf. Was schließlich Carl Schmitt dazu bewogen haben mag, die Hermannsschlacht als größte Partisanendichtung aller Zeiten zu bezeichnen.
  • Ebenfalls Gesprächsstoff der politisch Informierten war auch der wenig Jahre zuvor erfolgreich beendete Aufstand in Santo Domingo/Haiti, wo „Wilde“, „Sklaven“ ein modernes Heer besiegten und die Unabhängigkeit errangen. Toussaint D’Ouverture war der Held aufgeklärter Intellektueller damals und der Bezug zu den deutschen Freiheitskriegen gegen Napoleon lag auf der Hand, nicht zuletzt, weil Kleist auch eine Geschichte dazu geschrieben hatte.

 

Soweit zu dem, was gewusst werden konnte.

Zeitgenössische ZuschauerInnen hätten in Arminius wohl den Vertreter Preussens gesehen und im Marbod den österreichischen Kaiser. Die Römer waren natürlich die Franzosen unter Napoleon. Aber für den Text des Stückes ist das ohne Belang. Und im Grunde ein Unsinn. Auch wenn Kleist dies so beabsichtigt hatte oder beabsichtigen mochte – so ging das Dichterische andere Wege als die politische Absicht.

In der Zeichnung des Arminius und der Germanen auf der einen Seite und des Varus und der Römer auf der anderen denunzierte Kleist sehr kräftig seinen Helden und „die Deutschen“. Sie verhielten sich tatsächlich so, wie sie sich von den Römern betrachtet sahen: als blutrünstige Tiere. Wobei ich die Tiermetaphern in der Textimmanenz belassen möchte, weil ansonsten dürften sie so nicht stehen bleiben. Aus Tierrechtsgründen.

wird fortgesetzt

12.12.2019