Hermannsschlacht (2)

Kleists Motto:
Wehe, mein Vaterland dir !
Die Leier, zum Ruhm dir, zu schlagen,
Ist, getreu dir im Schoß, mir, deinem Dichter, verwehrt.

lese ich so:
Ach, was eier ich da rum
Für mich hat Heimat keinen Schoß
Aus dem ich „Wehe“ rufen könnt.
Sei’s drum.

Im Folgenden paraphrasierend und extemporierend die ersten Auftritte, in denen in Windeseile alles oder zumindest vieles angelegt ist, was das Stück dann ausmacht:

1. Auftritt

Allesamt grantige Männer – oder „Mißmutige“, wie Kleist sie im Personenverzeichnis nannte – mit Pfeil und Bogen, in Fellen gekleidet und mit langen Haaren, betreten eine Lichtung mit einer Jagdhütte. Einer von ihnen, Wolf aus Hessen, haut sich auf die Erde – in Kušejs Inszenierung bleibt er stehen, warum auch immer – und jammert drauf los. Dass sie verloren seien, die einen seien schon besiegt, die anderen nahe dran. Und ihr Gastgeber, auf den sie gehofft hätten, dass er Rat und Tat wüsste, weicht aus und vertreibe die Zeit mit Jagdgetöse. Derweil gehen Dagobert und Selgar einander scheelen Blicks betrachtend auf und ab, während Thuiskomar völlig außer sich eine gerade eingelangte Meldung schwenkt und sich beklagt, dass Varus mit seinen Legionen grad durch seine Lande ziehe. Obwohl er, Thuiskomar, seinen eigenen Schwager im Stich gelassen und den Truppen des Varus hilflos ausgeliefert hätte, damit er selber ungeschoren bliebe.

Der Hesse schaut ihn verächtlich an: in tausendneunhundertdreißig Jahren wird ein ähnliches Problem ein Grund sein, warum keine Allianz gegen die Nazis zustande kam.

Und was passierte? frug Thuiskomar zerstreut und starrte weiter auf die Botschaft.

Die Allianz kam nicht zustande und unsre Enkeln und Aberenkeln zogen gegen Osten.

Genug des Wühlens in der Zukunft! rief Dagobert. Jetzt geht es gegen den römischen Löwen, auch wenn ich nicht weiß, was ein Löwe ist. Es braucht unsere gemeinsame Kraft. Und ich bin dabei, wenn mir von dir, Selgar, das Gestade zur Lippe zugestanden werde.

Am Arsch, rief Selgar und stampfte auf. Das war verpfändet von deinem Urgroßvater und bislang nicht eingelöst! Dies Gestade bleibt bei mir eh du dich nicht zur Zahlung verpflichten willst.

Mit Mühe nur konnte Thuiskomar den Dagobert davon abhalten, sich auf Selgar zu stürzen. Oder umgekehrt? Kušej hat gemeint, die eh schon dramatische Szene noch anheizen zu müssen und ließ die beiden mit Schwertern einander drohen und Thuiskomar sie ebenfalls mit einem Schwert in Schach halten. Unnötig.

Wolf setzte sich auf und könnte murmeln: der eine ist Verräter an der eigenen Verwandschaft und jammert nun, dass Verrat mit Verrat ihm vergolten werde. Die anderen zanken sich um ein Stückchen Land und hinter ihnen steht die Bestie bereit, sie beide zu zerfetzen. Was für eine miese Partie hat dieses Land geboren!

2. Auftritt

Großer Auftritt des Arminius, mit Weib und Gefolge, sowie einem römischen Legaten jugendlichen Alters, der nicht von der Seite Thusneldas weicht. Hoch wird gelobt der Legat Ventidius, weil er Thusnelda rettete vor dem Ur mit einem zweiten Pfeilschuss. Der erste von Thusnelda abgeschossne hatte das Tier nur verwundet, nicht getötet gehabt, sodass es voller Wut sich erhob und Anstalten machte, sich auf die Jägerin zu stürzen.

Wolf überringelte, dass die Jagdszene im Wald und nicht auf freiem Feld vonstatten gegangen war, der Ur also nicht gefährlich werden konnte, weil Gebüsch und Bäume seinen wutenbrannten Lauf wohl gehindert hätten und Zeit genug gewesen wäre, noch viele Pfeile zu versenden. Auf des Hessen spöttischen Bemerkungen hin rief Hermann: Schluss jetzt, ausgredt is, ein Hoch dem tapfern Retter meines Weibs! Auch das Weib rief Hoch und Heil dir edler Ventidius! und unterband mit Müh’ das Zucken des mit voller Lippen Pracht geschmückten Mundes Winkel. Ventidius dagegen barst schier vor Seligkeit und seiner Ohren Röte strafte seinem Wortschwall der Bescheidenheit knall’ge Lügen.

Auf ein Zeichen Hermanns hin bat Thusnelda den Legaten, sie zum Zeltplatz zu begleiten, befördert in der Quadriga, des fernen Augustus’ hocherz’gem Geschenk. Der Legat zerfloss vor Freude fast, konnte gerade noch anbringen, dass er für Arminius eine Botschaft des Augustus habe und stolperte in das Gefährt, worin er zuvor mit Hilfe des Arminius Thusnelda minder elegant in den Wagen befördert hatte.

3. Auftritt

Übrig blieben die immer noch voll grantigen Herren Germanenfürsten und der vor nicht allzulanger Zeit aus römischen Diensten heimgekehrte Arminius, der auf leutselig tat und den Zeitpunkt lobte, wenn nach der Jagd der Becher kreist. Doch Wolf kam ganz schnell zur Sache: Willst du mit uns gemeinsam gegen Varus kämpfen?

Ach ja, nun ja, der Hermann sagte dies und sagte das, er habe schon ein Angebot mehrfach vorgebracht, von den Römern unterstützt zu werden gegen Marbod, Fürst der Sueven, der sich gerade anschicke, die Herrschaft über alle Stämme Germaniens zu erringen.

Und Thuiskomar wütend: ja siehst du nicht, wie verräterisch die Römer sind? Ich habe still gehalten, als sie mir meinen Vetter überfielen, auf ihr Versprechen hin, dass sie mein Land mir achten. Und heute erfahre ich, dass ihre Truppen frech den Weg durch meiner Väter Teil sich nehmen. Varus schreibt mir dazu, er hoffe auf meine Nachsicht, weil dies aus Gründen der Kriegsführung geschehe.

Hermann antwortet ihm ähnlich wie Wolf, dass er sich nicht zu wundern brauche, wenn er selber Verrat übe an seinem Nächsten, dass die Römer nicht für voll ihn nähmen.

Was Thuiskomar nur noch wütender machte.

 

Daraufhin begann Arminius, der einen an römische Mode angelehnten Haarschnitt hatte (das war gut gemacht vom Kušej) und auch sonst ein wenig eleganter wirkte als die anderen Germanenfürsten, einen Monolog, in dem er einerseits mit andererseits mischte, ihnen kalt und heiß einschenkte, sodass sie nicht wussten, wie sie an ihm dran waren und er schließlich ein Buch aus seinem Wams hervorzog und ihnen hinwarf: vergesst die Dörfer, euer Volk, vergesst die Ernte, das Gesinde und das Vieh. Es wird brennen, es wird gemetzelt, vernichtet, verschleppt und weggetrieben werden. Nicht um euer Eigentum geht euer Kampf, um die Freiheit nur. Die nackte, kalte, bleierne Freiheit.

Wofür dann Freiheit? fragte Wolf, während die anderen erstarrten.

Gute Frage, Wolfi, erwiderte Hermann und ging.

(keine Fortsetzung mehr)

14.12.2019