Bitte nur einen Satz noch!

hätte Herr Marcel P. beispielsweise rufen können und, nachdem ihm die Bitte gewährt wurde, diesen

Satz

„Ohne mehr als eine zerbrechliche Ehre, ohne mehr als eine vorläufige Freiheit bis zur Aufdeckung des Verbrechens; ohne mehr als eine unbeständige Stellung, wie die des gestern noch in allen Salons gefeierten, in allen Theatern Londons mit Beifall überschütteten, am nächsten Tage schon aus jeder Unterkunft verjagten Dichters, der kein Kissen mehr finden konnte, um sein Haupt zu betten, der den Mühlstein wälzte wie Samson und sagte wie dieser: Die beiden Geschlechter werden ein jedes auf seiner Seite sterben; ausgeschlossen sogar, mit Ausnahme von Tagen schwerer Schicksalsschläge, an denen sich die meisten um das Opfer scharen wie die Juden um Dreyfus, vom Mitgefühl – manchmal auch der Gesellschaft – ihresgleichen, die sie zu ihrem Abscheu sehen lassen, was sie selber sind, in einen Spiegel eingezeichnet, der ihnen nicht mehr schmeichelt, sondern all die Makel hervortreten lässt, die sie bei sich selbst nicht mehr hatten wahrnehmen wollen, und der ihnen begreiflich macht, dass das, was sie ihre Liebe nannten (und dem sie, mit dem Wort spielend, aus sozialem Empfinden alles einverleibt hatten, was Dichtung, Malerei, Musik, Rittertum oder Askese zur Liebe haben hinzufügen können), nicht einem Schönheitsideal entspringt, das sie selbst gewählt haben, sondern einer unheilbaren Krankheit; wie auch die Juden (mit Ausnahme einiger, die nur mit Leuten ihrer eigenen Rasse Umgang pflegen wollen und stets die rituellen Worte und die gängigen Scherze im Munde führen) einander meidend, bemüht um jene, die ihnen am gegensätzlichsten sind, die nichts mit ihnen zu tun haben wollen, ihnen ihre Zurückweisung verzeihend, berauscht von ihrem Entgegenkommen; doch auch mit ihresgleichen durch die Ächtung vereint, die sie trifft, die Schande, der sie anheimgefallen sind, haben sie schließlich, aufgrund einer Verfolgung, die der Israels gleicht, die körperlichen und seelischen, manchmal schönen, oft abstoßenden Merkmale einer Rasse angenommen, finden sie (trotz all des Spottes, mit dem der, der sich mit der entgegengesetzten Rasse mehr vermischt, sich ihr besser angepasst hat und dem Anschein nach der verhältnismäßig weniger Invertierte ist, denjenigen überschüttet, der in höherem Maße den Eindruck erweckt) Entspannung im Umgang mit ihresgleichen und sogar eine Stütze in ihrem Dasein, so dass sie, während sie zugleich leugnen, eine Rasse zu sein (deren Name die größte Beleidigung ist), diejenigen, denen es gelungen ist zu verbergen, dass sie dazugehören, aus eigenem Antrieb demaskieren, weniger um ihnen Schaden zuzufügen, wovor sie freilich nicht zurückschrecken, als um sich selbst reinzuwaschen, und wie ein Mediziner die Blinddarmentzündung, so verfolgen sie die Inversion noch bis in die Geschichte, erinnern mit Befriedigung daran, dass Sokrates einer der Ihren gewesen sei, so wie die Israeliten sagen, dass Jesus Jude war, ohne dabei zu bedenken, dass Homosexualität nichts Anormales an sich hatte, als sie die Norm war, dass es vor Christus keine Christenfeinde gab, dass die Schande allein schon das Verbrechen ausmacht, denn sie hat nur diejenigen übriggelassen, die unzugänglich waren für alle Predigten, jegliches Beispiel, jede Züchtigung, dank einer angeborenen, derart speziellen Veranlagung, dass sie andere Männer noch mehr abstößt (auch wenn sie mit hohen moralischen Qualitäten einhergehen kann) als bestimmte Laster, die damit unvereinbar sind, wie Diebstahl, Grausamkeit, Betrug, die aber besser verstanden und also vom Gros der Männer eher entschuldigt werden; ein viel weiter verbreitetes, wirksameres und weniger verdachterregendes Freimaurertum bildend als das der Logen, eines, das auf der Übereinstimmung der Neigungen, der Bedürfnisse, Gewohnheiten, Gefährdungen, der Erfahrungen und des Wissens, des Umgangs und des Vokabulars beruht und in dem sich selbst die Mitglieder, denen es lieber ist, einander nicht zu kennen, sofort an natürlichen oder gebräuchlichen, unbewussten oder bewussten Zeichen erkennen, die dem Bettler den großen Herrn, dem er den Wagenschlag schließt, als einen der Seinigen bezeichnen, dem Vater den Verlobten seiner Tochter, dem Heilung, Beichte oder Verteidigung Suchenden den Arzt, Pfarrer oder Advokaten, den er aufgesucht hat; alle sind sie gezwungen, ihr Geheimnis zu wahren, haben sie doch Anteil am Geheimnis der anderen, von dem der Rest der Menschheit nichts ahnt und das bewirkt, dass ihnen noch die unwahrscheinlichsten Abenteuerromane als wahrhaftig erscheinen; denn in diesem romanhaften, anachronistischen Leben ist der Botschafter der Freund des Sträflings; geht der Prinz, mit jener ungezwungenen Haltung, die die aristokratische Erziehung vermittelt und die ein zitternder Kleinbürger nicht haben würde, nach einem Besuch bei der Herzogin zu einem Ganoven, um sich mit ihm zu besprechen; ein geächteter Teil der menschlichen Gemeinschaft, aber ein wichtiger Teil, dort vermutet, wo er nicht ist, verbreitet, frech und ungestraft dort, wo man ihn nicht ahnt; mit Anhängern überall, im Volk, in der Armee, im Tempel, im Zuchthaus, auf dem Thron; eine große Anzahl zumindest, in schmeichelhafter und gefährlicher Vertraulichkeit mit den Männern der anderen Rasse lebend, sie provozierend und mit ihnen spielend, indem sie von ihrem Laster sprechen, als ob es nicht das ihrige wäre, ein Spiel, das durch die Blindheit oder Falschheit der anderen leichtgemacht wird, ein Spiel, das jahrelang gutgehen kann bis zum Tag des Skandals, an dem diese Dompteure zerfleischt werden; bis dahin sind sie gezwungen, ihr Leben zu verbergen, ihren Blick von dem abzuwenden, worauf sie ihn gern ruhen lassen würden, ihn auf dem ruhen zu lassen, wovon sie sich gern abwenden würden, das grammatische Geschlecht vieler Adjektive in ihrem Vokabular zu wechseln, ein nur geringer gesellschaftlicher Druck im Vergleich zu dem inneren, den ihnen ihr Laster, oder was man unzutreffenderweise so nennt, nicht so sehr in Hinblick auf andere, sondern auf sie selbst auferlegt, und zwar so, dass es ihnen selbst nicht als ein Laster erscheint.“

von sich gegeben, welcher der längste in der Suche nach der verlorenen Zeit ist (885 Zeichen auf deutsch und 1.069 Zeichen im Original), und neben einer irritierenden Analogie von Homosexuellen und Juden eine Art Soziologie männlicher Homosexualität bietet, was aber auch als mit ironischer Absicht geschrieben gelesen werden könnte, eine Ironie, welche der französische Literaturwissenschafter Antoine Compagnon im Satzgefüge selbst zu erkennen glaubt, wenn er

„auf den ironisierenden Gegensatz zwischen der Ordnungsbemühung in der Aussage dieses längsten Satzes der Suche und seiner chaotischen syntaktischen Struktur“

hinweist, womit ich diese Ummantelung des Proustsatzes beenden will, nicht ohne zu erwähnen, dass mit dem Dichter am Anfang des Satzes Oscar Wilde gemeint war, welcher angeblich André Gide in Afrika dessen ersten homosexuellen Erlebnisse vermittelte, dieser Gide, der viel mit Proust über dessen Thematisierung der Homosexualität diskutierte, worüber in einem späteren Beitrag in ein oder mehreren Sätzen noch geschrieben werden wird.

08.09.2020