1940 Februar

90 französische Divisionen mit 2.700 Panzern stehen so vor sich hin in Frankreich, geduckt hinter der Maginotlinie. Die Deutschen können daher seit dem Überfall auf Polen tun, was sie wollen, ohne vom Westen gestört zu werden. Es gab zwar eine britische und französische Kriegserklärung, um den Beistandspakt mit Polen zu erfüllen. Das wars aber auch schon. Den sowjetischen Überfall auf die Kresy, also die ostpolnischen Gebiete jenseits der in Brest-Litow fixierten Grenzlinie nahmen die Alliierten bereits mit einem Achselzucken zur Kenntnis. Auch der sowjetische Überfall auf Finnland hatte keine Konsequenzen von westlicher Seite.

Die französischen Offiziere ließen Spitzenköche aus Paris einfliegen. Die besten Restaurants der Stadt tischten Raffinessen in der Feldküche auf. Es duftete nach Thymian und frischen Wachteln, nach Muscheln und zartem Filet, Champagner perlte in den Gläsern. Mit der gleichen Sorgfalt, mit der man sonst über Taktik diskutierte, philosophierte die Heeresspitze über den zartesten Steinbutt. Aus der Boulogne sollte er kommen, mais oui!

Vier britische Divisionen stehen in Frankreich, welche nach und nach bis Mai auf 15 aufgestockt werden. 456 britische Flugzeuge dämmern in französischen Hangars. Die deutschen Nazis verwerten inzwischen ihre Erfahrungen im polnischen Krieg und rüsten sich dementsprechend für einen Angriff auf Frankreich und dessen Verbündeten. Allerdings müssen sie den geplanten Zeitpunkt vom 17. Jänner verschieben, weil der Angriffsplan auf geradezu tölpelhafte Weise der belgischen Armeeführung und dann den Alliierten bekannt geworden ist (Mechelen-Zwischenfall).

Es ist Februar geworden.

Am ersten Februartag informiert der für die „Verwaltung für Kriegsgefangene und Internierte“ zuständige NKWD-Offizier Pjotr Soprunenko seinen Vorgesetzten, Volkskommissar für Inneres, Berija, dass in dem im ehemaligen Nilow-Kloster eingerichtete Lager Ostaskov mit 6.000 Fällen die Untersuchungen der gefangenen Polen abgeschlossen und die Akten an die regionalen Sonderausschüsse weitergegeben worden seien.

Im ebenfalls längst aufgelösten Optyn-Kloster in Kozelsk, dem Schauplatz des Gesprächs zwischen einem jungen Adeligen und einem Geistlichen über die Möglichkeit einer Moral ohne Gott in Dostojewskis Brüder Karamasow, werden weitere polnische Offiziere verhört. Leiter seit dem Oktober 39 ist Vasilij Zarubin. Mit Verhören kennt der sich aus, da er erst kurz zuvor aus der Ljubljanka entlassen worden ist. Denn nach 20 Jahren in der Auslandsspionage konnte es nicht ausbleiben, im paranoiden Stalinsystem unter Verdacht zu geraten, für die Gestapo Spionage betrieben zu haben. Die Verhöre nach seiner Verhaftung soll Zarubin “in großer Würde” überstanden haben, wie es in einem heute zugänglichen Armeearchiv heißt. Hernach wurde er umgehend als NKWD-Offizier eingesetzt — in eben diesem Lager. Denn Verhöre konnte er:

„Dieser Mann war im Gegensatz zum sonstigen Lagerpersonal ein in jeder Hinsicht ungewöhnlicher Mensch. Sehr gewandt und korrekt im Umgang mit den Gefangenen, zeugte sein würdevolles, taktvolles Auftreten von Welterfahrung und Sensibilität. Er war gebildet, sprach deutsch, französisch und etwas englisch. […] Anscheinend zufällig lud er den einen oder anderen Gefangenen zu einem Plauderstündchen ein, zu dem gewöhnlich noch ein anderer NKWD-Offizier erschien. Es gab Tee und gute Zigaretten, manchmal sogar Orangen.“ (Zawodny, Zum Beispiel Katyn, S. 117. Zit nach Weber, Krieg der Täter)

Die Methoden der Verhörspezialisten in den Lagern Ostakov und Strobelsk (ebenfalls ein ehemaliges Kloster) waren zweifellos robuster, das Ergebnis weisungsgemäß überall gleich: die Gefangenen wurden zu mehr oder weniger hohen Lagerhaftstrafen verurteilt, die sie in den Lagern im Osten der Sowjetunion verbringen sollten.

In der ersten Februarwoche gibt der Befehlshaber des Generalgouvernements, Frank, dem Völkischen Beobachter ein Interview:

„Einen plastischen Unterschied kann ich Ihnen sagen. In Prag waren zB große rote Plakate angeschlagen, auf denen zu lesen war, dass heute 7 Tschechen erschossen worden sind. Da sagte ich mir: wenn ich für je sieben erschossene Polen ein Plakat aufhängen lassen wollte, dann würden die Wälder Polens nicht ausreichen, das Papier herzustellen für solche Plakate“

Frank, Diensttagebuch.

Am 8. Februar werden 101 der im Rahmen der „Sonderaktion Krakau“ im November 39 festgenommenen und in Konzentrationslager gebrachten 183 Professoren der Krakauer Jagellonen-Universität und der Bergbau- und Hüttenakademie freigelassen. Ein erheblicher Teil von ihnen stirbt allerdings an den Folgen des KZ-Aufenthalts.

Auch die 14 Professoren der Katholischen Universität von Lubin, die ebenfalls im November 1939 festgenommen worden waren, kommen im Februar wieder frei.

Es war zum Teil internationalem Echo und Interventionen geschuldet, zum Teil einer Änderung in der Polenpolitik: Die Polen sollten nicht nur unterdrückt, sondern auch dem deutschen Reich nützlich sein und das Generalgouvernement sowas wie die auf niedrigstem Niveau dahinvegetierende “Heimstatt der Polen” sein.

Margarete Buber-Neumann sitzt nach ihrer Freilassung aus der Lagerhaft in Karaganda nach langer Zeit erstmals wieder gut mit Essen und Kleidung versorgt mit den anderen deutschen Emigrant*innen im Zug, der von Moskau Richtung Südwesten fährt. Sie passieren Minsk. In Brest-Litowsk müssen sie mit ihren Sachen aussteigen. Über die Grenzbrücke kommt ein SS-Soldat. Der einen Kopf größere NKWD-Mann begrüßt ihn und verliest aus einer Liste die Namen. Die Gefangenen werden übergeben und über die Grenze auf deutsches Gebiet geführt und in eine Holzbaracke gesperrt. Ein Güterwaggon wird sie dann über einige Zwischenstationen nach Ravensbrück bringen.

1.200 Juden werden aus Stettin nach Lublin deportiert.

Am 10. Februar beginnen die Massendeportationen aus der Kresy mit knapp 140.000 Personen. Familien von polnischen (zumeist pensionierten) Militär- und Zivilsiedlern und Forstarbeiter.

Diese vom NKWD „Sonderumsiedler-Siedler“ Genannten landen im Ural, in Sibirien und in anderen von Polen weit entfernten Gebieten.

Die Registrierung und teilweise Sondierung nach nationaler Zugehörigkeit der in den Sonderlagern festgehaltenen polnischen Kriegsgefangenen beginnt Mitte Februar. Gegen Ende des Monats erhält Soprunenko eine Aufstellung über die von insgesamt 14.700 knapp 6.200 „politischen Feinde“ unter den Lagerinsassen. Diese sollen in NKWD-Gefängnisse überstellt werden. Aber was tun mit den anderen? Das Fenster zu einem möglichen Austausch hatte sich Ende Februar mit dem Ablaufen des Austauschabkommens zwischen Deutschland und der Sowjetunion geschlossen. Und hernach weigern sich die Deutschen, polnische Gefangene, mit denen sie nur Ärgern haben konnten, zu übernehmen. Die Option, die Gefangenen zur Zwangsarbeit zu verschicken, wird in mehreren Zusammenkünften von Berija mit führenden NKWD-Funktionären erörtert, aber keine Entscheidung gefällt.

Der bekannte deutschfreundliche Publizist Prof. Wladyslaw Studnicki begibt sich nach Berlin, um eine Mäßigung in der Behandlung der polnischen Bevölkerung durch die deutschen Besetzer zu erreichen. Er wird von Goebbels empfangen und hernach von der Gestapo festgenommen und in „Ehrenhaft“ in ein Sanatorium in Neubabelsberg bis zum August festgehalten.

Minus 40°. Ein Zug mit polnischen Deportierten steht drei Tage bis zur Abfahrt am Gelände eines Bahnhofs. Sowjetische Soldaten gehen in dieser Zeit von Waggon zu Waggon, bald mit toten Kindern unterm Arm, und fragen: “zamyerschchikh rebyat nima?” (sind hier noch erfrorene Kinder?)

In den Stadt- und Landkreisen werden so genannte Ordensjunker, “schneidige, draufgängerische und durch keinerlei Formalismus belastete junge Nationalsozialisten” aus den Ordensburgen Krössinsee und Vogelsang in führende Positionen bestellt und agieren frisch fröhlich drauf los.

Von Marstein darf am 17. Februar im Rahmen einer Kommandobesprechung seinen Angriffsplan dem Gröfaz vorführen, der sich zunehmend für diesen „Sichelschnittplan“ erwärmt, nachdem er im Herbst noch abgelehnt worden war. Aber dank dem Mechelen-Zwischenfall ist eine neue Strategie erforderlich.

Am 19. Februar entscheidet der Rat der Volkskommissare und das Politbüro des Zentralkomitees der Sowjetunion, dass in den nunmehr zur Ukraine und zu Weissrussland gehörenden Gebieten der Kresy knapp 60 Sowchosen zu gründen seien.

Einen Tag danach schreibt Soprunenko an Berija einen Brief, in dem die teilweise Räumung der Lager von bestimmten Kategorien vorgeschlagen wird, z.B. ca 400-500 aus Weißrussland und der Ukraine stammende Intellektuelle und Reserveoffiziere. Weiters Männer über 60. Mit dem Zweck, Lager zu entlasten und sich auf die operativ interessanten Fälle zu konzentrieren.

Merkulov antwortet im Namen von Berija, dass diese Kategorien in andere NKWD-Gefängnisse kommen sollten.

Für einen Teil war auch im Rahmen des deutsch-sowjetischen Austauschabkommens eine Abschiebung ins Generaldepartement vorgesehen, welches Anfang März durchgeführt werden sollte. Doch die Deutschen wollten die polnischenOffiziere nicht, die sie nicht arbeiten lassen durften und von denen sie nichts hatten außer Ärger. Daher lehnten sie im letzten Moment ab. Mit Ende Februar lief das Abkommen sowieso ab, es fehlte daher auch die rechtliche Legitimität dafür.

Ende Februar findet eines von mehreren Treffen von deutschen und sowjetischen Geheimdienstleuten statt. In der Villa „Pan Tadeusz“ in Zakopane erfahren die Sowjets von den deutschen Plänen der sogenannten „AB-Aktion“. Die Deutschen umgekehrt von den sowjetischen Deportationen.

In den den sowjetischen Lagern mit polnischen Kriegsgefangenen mehren sich im Februar Gerüchte um eine baldige Freilassung. Unter den Gefangenen macht sich eine optimistische Stimmung breit.