Hermannsschlacht so ungefähr (1)

15. Dezember 2019

Die erste Neuinszenierung Kušejs seit dem Beginn seiner Intendanz ist Kleists Hermannsschlacht. Die ich immer schon lesen wollte. Dann war ich mal baff. Was für ein Text! Oszillierend zwischen Shakespears heißen Königsdramen und Brechts kalten Lehrstücken. Zwischen Krieg um nationale Unabhängigkeit und Faschismus. Ein zweckloser Zweck der Gewalt.

Nachdem ich mich ein wenig beruhgt hatte, las ich das Drama nochmals und einiges darüber. Zum Teil glaubte ich bei Rezipienten völlig anderen Text vermittelt zu bekommen, zum Teil wurden meine ersten Eindrücke, dass hier weder Nationalismus, noch Partisanentum, noch Faschismus die Essenz ausmachen, bestätigt.

Damit erschien mir auch die Peymannsche Guerilla-Interpretation immer unplausibler zu werden. Die handelnden Personen waren mehr oder weniger wendige Kollaborateure, die sich sehr situationselastisch verhielten und offen für alle Methoden waren, soferne sie nur wirkten. Im Zweifel war es die Gewalt.

Nach den ersten Kritiken entstand bei mir auch gegen die Kušej’sche Interpretation ein ziemliches Misstrauen. Sowohl hinsichtlich des teilweise Runterbrechens auf eine dem Animalischen in jeder Hinsicht nicht fernen Beziehung zwischen der Fürstenfrau und dem römischen Legaten und dem vermutlich platten Ende mit SA marschiert. Am Christtag werde ich es selber gesehen haben.

 

Bis dahin will ich mal versuchen, mich dem Stück möglichst nur textimmanent zu nähern, auch wenn dem Grenzen gesetzt sind. Denn, was Kleist und das zu erwartende Publikum wussten oder glaubten, muss vorausgesetzt werden.

 

Soweit zu dem, was gewusst werden konnte.

Zeitgenössische ZuschauerInnen hätten in Arminius wohl den Vertreter Preussens gesehen und im Marbod den österreichischen Kaiser. Die Römer waren natürlich die Franzosen unter Napoleon. Aber für den Text des Stückes ist das ohne Belang. Und im Grunde ein Unsinn. Auch wenn Kleist dies so beabsichtigt hatte oder beabsichtigen mochte – so ging das Dichterische andere Wege als die politische Absicht.

In der Zeichnung des Arminius und der Germanen auf der einen Seite und des Varus und der Römer auf der anderen denunzierte Kleist sehr kräftig seinen Helden und „die Deutschen“. Sie verhielten sich tatsächlich so, wie sie sich von den Römern betrachtet sahen: als blutrünstige Tiere. Wobei ich die Tiermetaphern in der Textimmanenz belassen möchte, weil ansonsten dürften sie so nicht stehen bleiben. Aus Tierrechtsgründen ;-)

wird fortgesetzt
Ablage: Hermannsschlacht