1940 Januar

26. Jänner 2020

In jenen Tagen vor 80 Jahren befanden sich in sowjetischen Lagern im besetzten Polen an die 40.000 polnische Kriegsgefangene. Davon ca. 15.000 in drei Sonderlagern nahe Smolensk. 24.000 in Arbeitslagern im Nordosten des europäischen Teils der Sowjetunion, wo sie unter anderem die Nord-Pečora-Eisenbahnstrecke bauen mussten.

Wir werden wohl 60.000 Flüchtlinge aus der Sowjetunion übernehmen müssen. dürfen aber nur 14.000 hinüberliefern. Es bleibt nur die Hoffnung, es möge (…) gelingen zu verhindern, dass die Sowjetrussen uns nicht wieder jene Juden, Zigeuner und Polacken ins Land hereinlotsen, die wir mit Glück und Schläue hinausgeworfen haben.“ (Frank, Diensttagebuch, S 83ff. Jänner.)

Nachdem die Deutschen in den ersten Kriegswochen bereits tausende jüdische und nichtjüdische Polinnen und Polen umgebracht hatten, begann nun im Generalgovernement die Vorbereitung auf die „AB“(Allgemeine Befriedung)-Aktion, die vielen weiteren tausenden Menschen das Leben kosten sollte.

Den Polen, die in die Betriebe hineingestellt werden, muss Hören und Sehen vergehen, sodass sie vor lauter Arbeit - disziplinierter Arbeit! - zu Sabotageakten gar nicht mehr kommen.
Frank, ebd.

Den sowjetischen Botschafter Iwan Michailowitsch Maiski und den britischen Medienmagnaten Lord Beaverbrook plagten zu jener Zeit andere Sorgen. Beim Lunch, zu dem der Lord den Botschafter und dessen Frau eingeladen hatte, meinte jener, dass die herrschenden Klassen in Großbritannien lieber Frieden mit Hitler schließen als weiter Krieg führen wollten, falls die Bedingungen akzeptabel wären. Daher mache er sich auch große Sorgen über die Beziehungen zwischen Großbritannien und der Sowjetunion nach dieser Sache mit Polen. Und Finnland. Maiski wusste nun, warum er eingeladen worden war. Denn seit dem Hitler-Stalin-Pakt wurde er wie ein Paria behandelt, die meisten Türen des offiziellen und inoffiziellen Londons blieben ihm verschlossen, seine Einladungen wurden höflich ausgeschlagen. Daher war dieser Lunch wie Balsam auf die Seele von Maiski und seiner Frau. Beaverbrook tat ein übriges und meinte fast tröstend, dass selbst anlässlich des Winterkrieges die Briten zwar die finnischen Helden lobten, aber keine Waffen schicken würden. Daher Konfrontation mit der Sowjetunion wohl ausgeschlossen sei.

Währenddessen verfassten polnische Kriegsgefangene in den sowjetischen Lagern Protestbriefe, in denen sie auf die Einhaltung der Genfer Konvention beharrten und sich gegen die damit unvereinbaren Unterstellung unter die sowjetische politische Gerichtsbarkeit wehrten. Es gab Tumulte und heftige Debatten. Die sowjetischen Behörden wurden immer nervöser. Nicht zuletzt deshalb, weil die Situation in den Lagern immer knapp vor einer Rebellion zu sein schien und das Wachpersonal offenkundig durch die mehr oder weniger subtilen Widerstandsformen der polnischen Kriegsgefangenen überfordert war.

Auch der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt blieb nicht müßig und rief wegen des Verhaltens der Sowjetunion ein „moralisches Embargo“ auf den Handel mit diesem Land aus. Und tatsächlich wurde der Handel ab Januar 1940 eingestellt. Ein knappes Jahr später aber wieder aufgenommen.

Ungerührt davon arbeiteten die Sonderausschüsse des NKWD in den Lagern Koselsk, Starobelsk und Ostaschkow bei der Befragung der Lagerinsassen noch auf Hochtouren. Die meisten der befragten polnischen Militär- und Zivilpersonen sollten in genau definierten Abstufungen etliche Jahre Haft in Arbeitslagern bekommen. So Berijas Vorgaben, wie es die Verhörspezialisten verstanden.

Im von den Nazis besetzten Teilen Polens neigte sich unterdessen die nach der Besetzung eingesetzt habende Plünderungs- und ungeregelte Ermordungswelle ihrem Ende zu. Nunmehr sollte mehr auf Effizienz, auf geregelte Ausbeutung der Ressourcen und auf Tötungen in legaler Einkleidung geachtet werden.

Mein Verhältnis zu den Polen ist der zwischen Ameise und Blattlaus.
Frank, ebd.

Deutsche und sowjetische Soldaten im Jeep im besetzten Polen 1939.

Am 26. Jänner wurde Isaak Babel von einem sowjetischen Tribunal zum Tode verurteilt und am darauffolgenden Tag im Gefängnis Butyrka erschossen. Die Exekution nahm der Leiter des Moskauer NKWD-Erschießungskommandos Wassili Blochin persönlich vor. Er verwendete dafür eine Walther-Pistole, die ihm lieber war als die Mauser, welche er als Ehrenzeichen geschenkt bekommen hatte. Die Walther erhitze sich nicht so sehr.

Ablage: Katyn